Kann ich trotz eines niedrigen AMH-Wertes schwanger werden?
Die kurze Antwort lautet: Ja! Ein niedriger AMH-Wert bedeutet lediglich, dass Ihr Eizellvorrat (die sogenannte Eierstock-Reserve) kleiner geworden ist. Er bedeutet nicht, dass Sie nicht auf natürlichem Weg schwanger werden können. Der AMH-Wert ist also kein alleiniger „Fruchtbarkeitstest“.
Das Anti-Müller-Hormon wird in den Eierstöcken gebildet – genauer gesagt von den Hüllen der kleinen Reifungsbläschen (Follikel), in denen die Eizellen heranwachsen.Je mehr dieser kleinen Bläschen vorhanden sind, desto höher ist der AMH-Wert im Blut. Mit zunehmendem Alter nimmt der Eizellvorrat ganz natürlich ab – und damit sinkt im Durchschnitt auch der AMH-Wert.
Der AMH-Wert verrät Ihnen vor allem:
Die Menge: Wie viele Eizellen sind ungefähr noch als Reserve vorhanden?
Die Reaktion: Wie gut würden Ihre Eierstöcke voraussichtlich auf eine hormonelle Stimulation (z. B. bei einer Kinderwunschbehandlung) ansprechen?
Was der AMH-Wert allein NICHT aussagen kann:
- Wie hoch Ihre Chancen auf einespontane, natürliche Schwangerschaft
- Wie gut dieQualität einer einzelnen Eizelle ist (eine gute Eizelle reicht oft schon aus!).
- Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, ein gesundes Baby auf die Welt zu bringen.
- Wann genau bei Ihnen die Wechseljahre beginnen.
Niedrige AMH-Werte im Überblick
Eine international einheitliche Grenze für einen „niedrigen AMH-Wert“ existiert nicht. Messverfahren, Referenzbereiche und Labormethoden unterscheiden sich.
Die ESHRE verwendete im Zusammenhang mit einer erwartbar verminderten Reaktion auf eine ovarielle Stimulation Werte von etwa 0,5 bis 1,1 ng/ml als Bereich eines auffälligen ovariellen Reservetests. Diese Grenzwerte beziehen sich auf die Vorhersage der Stimulationsantwort und dürfen nicht als Grenze zwischen „fruchtbar“ und „unfruchtbar“ interpretiert werden.
| AMH-Wert | Medizinische Einordnung | Aussage zur natürlichen Schwangerschaft | Bedeutung bei IVF/ICSI |
|---|---|---|---|
| 0,9 ng/ml | verminderte ovarielle Reserve wahrscheinlich | spontane Schwangerschaft weiterhin möglich; individuelle Wahrscheinlichkeit nicht aus AMH ableitbar | geringere ovarielle Reaktion möglich |
| 0,7 ng/ml | deutlich verminderte ovarielle Reserve | kein Nachweis für Unfruchtbarkeit | erhöhtes Risiko einer niedrigen Eizellausbeute |
| 0,5 ng/ml | deutlich eingeschränkte ovarielle Reserve | Schwangerschaft weiterhin möglich | geringe Reaktion auf Stimulation wahrscheinlicher |
| 0,3 ng/ml | sehr geringe ovarielle Reserve | keine zuverlässige quantitative Aussage zur spontanen Schwangerschaft möglich | häufig geringe Zahl gewinnbarer Eizellen |
| 0,1 ng/ml | extrem geringe ovarielle Reserve | Schwangerschaft nicht ausgeschlossen | sehr geringe ovarielle Reaktion wahrscheinlich |
Entscheidend ist: Mit sinkendem AMH nimmt vor allem die erwartete Zahl stimulierbarer Follikel beziehungsweise gewinnbarer Eizellen ab. Der AMH-Wert misst die Quantität (Menge) Ihrer Eizellen, nicht deren Qualität. Auch mit einer kleineren Reserve können Sie schwanger werden!
Bedeutet ein niedriger AMH-Wert Unfruchtbarkeit?
Nein. Eine verminderte ovarielle Reserve und Infertilität sind unterschiedliche Befunde. Prospektive Studien haben gezeigt, dass niedrige AMH-Werte bei Frauen ohne bekannte Infertilität die Zeit bis zum Eintritt einer natürlichen Schwangerschaft nur unzureichend vorhersagen. ACOG und NICE empfehlen ausdrücklich, AMH nicht zur Prognose einer spontanen Schwangerschaft einzusetzen. Ovarielle Reservetests sind daher keine allgemeinen Fruchtbarkeitstests.
Kann man mit niedrigem AMH natürlich schwanger werden?
Ja. Für eine natürliche Schwangerschaft ist entscheidend, dass eine befruchtungsfähige Eizelle ovuliert wird und die übrigen Voraussetzungen erfüllt sind.
Dazu gehören insbesondere:
- Ovulation,
- Eileiterdurchgängigkeit,
- ausreichende Spermienqualität,
- funktionell unauffällige Gebärmutter,
- ausreichende Eizellqualität.
Der AMH-Wert gibt keine direkte Auskunft darüber, ob im aktuellen Zyklus eine befruchtungsfähige Eizelle vorhanden ist.
Studien an Frauen ohne bekannte Infertilität zeigten keine ausreichend zuverlässige Beziehung zwischen niedrigen AMH-Werten und der Zeit bis zum Eintritt einer Schwangerschaft.
Was sagt der AMH-Wert über die Eizellqualität?
Der AMH-Wert sagt fast nichts über die Qualität Ihrer Eizellen aus. Er misst in erster Linie die Menge der verbleibenden Reserve und zeigt, wie viele Eizellen bei einer Behandlung voraussichtlich reifen würden. Für die Eizellqualität ist dagegen vor allem Ihr Alter entscheidend. Mit den Jahren steigt schlicht das Risiko für kleine genetische Abweichungen in den Eizellen, was ganz unabhängig vom AMH-Wert geschieht. Fachgesellschaften betonen deshalb, dass der AMH-Wert zwar ein guter Gradmesser für die Anzahl der Eizellen ist, aber nicht dafür, wie hoch die Chance auf eine Schwangerschaft tatsächlich ist. Ein niedriger Wert bedeutet also keineswegs, dass die verbleibenden Eizellen von schlechter Qualität sind.
Warum ist das Alter wichtiger als der AMH-Wert?
Das weibliche Alter ist einer der wichtigsten Faktoren für die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft und Lebendgeburt.
Mit zunehmendem Alter:
- sinkt die Zahl der vorhandenen Eizellen,
- nimmt die Eizellqualität ab,
- steigt die Aneuploidierate,
- sinkt die natürliche Schwangerschaftsrate,
- steigt die Fehlgeburtsrate.
Fachgesellschaften wie die ASRM sehen das Alter der Frau als den entscheidendsten Einzelfaktor für die Fruchtbarkeit. Deshalb sind zwei Frauen mit demselben AMH-Wert medizinisch gesehen keineswegs in derselben Situation. Ein Wert von beispielsweise 0,5 ng/ml bei einer 30-jährigen Frau erlaubt eine ganz andere Prognose als derselbe Wert bei einer 40-jährigen Frau. Für die ärztliche Bewertung ist es daher wesentlich wichtiger, folgende Punkte zusammen zu betrachten:
| Parameter | Aussage |
|---|---|
| Alter | wesentlicher Faktor für Eizellqualität und Schwangerschaftswahrscheinlichkeit |
| AMH | Marker der quantitativen ovariellen Reserve |
| AFC | sonografischer Marker der vorhandenen, mit Flüssigkeit gefüllten Follikel |
| Zyklusregelmäßigkeit | Hinweis auf regelmäßige Ovulation |
| Eileiterdurchgängigkeit | Voraussetzung für natürliche Befruchtung |
| Spermiogramm | Beurteilung des männlichen Fertilitätsfaktors |
Diese Faktoren sollten gemeinsam betrachtet und bewertet werden, der AMH-Wert sollte nicht isoliert zur Fertilitätsdiagnostik verwendet werden.
Welche Bedeutung hat ein niedriger AMH-Wert für eine IVF oder ICSI?
Hier besitzt der AMH-Wert seine größte klinische Aussagekraft.
AMH kann relativ zuverlässig dabei helfen vorherzusagen, ob unter einer kontrollierten ovariellen Stimulation:
- wenige,
- durchschnittlich viele oder
- sehr viele
Follikel beziehungsweise Eizellen zu erwarten sind.
Je niedriger der AMH-Wert, desto höher ist im Durchschnitt das Risiko einer geringen ovariellen Reaktion und einer niedrigen Zahl gewinnbarer Eizellen.
Ein sehr niedriger AMH-Wert ist jedoch kein ausreichender Grund, eine reproduktionsmedizinische Behandlung auszuschließen. Ovarielle Reservemarker sollen laut ASRM nicht dazu verwendet werden, Patientinnen allein aufgrund eines niedrigen Wertes eine Kinderwunschbehandlung vorzuenthalten.
Der AMH-Wert ist vor allem ein Marker für die Menge der ovariellen Reserve – nicht für die individuelle Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden.
